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Ein kontroverser Abend - was kommt nach Corona?

14.7.2021

Dr. Kessler stieß bei seinem Vortrag zum Thema „Leben und Arbeiten nach Corona“ nicht nur auf Zustimmung bei der Zuhörerschaft. (Foto: Iris Kannenberg)
Dr. Kessler stieß bei seinem Vortrag zum Thema „Leben und Arbeiten nach Corona“ nicht nur auf Zustimmung bei der Zuhörerschaft. (Foto: Iris Kannenberg)

Von Iris Kannenberg

 

LÜDENSCHEID + Eine viel gestellte Frage quer durch die Gesellschaft: Wie geht es weiter nach Corona? Kehren wir zum alten Trott zurück oder ist die Corona-Pandemie mit ihren Folgen zumindest teilweise auch positiv zu sehen? Auf diese Fragen versuchte der hessische Wirtschaftsjournalist Dr. Wolfgang Kessler am 29. Juni in der St. Joseph und Medardus-Kirche eine Antwort zu geben. Der Vortrag war wegen Corona bereits zweimal abgesagt worden und fiel nun ausgerechnet auf einen Abend der Fußball-EM. Und dennoch besuchten interesseierte Gäste die Gemeinschaftsveranstaltung von ÖDP, Weltladen, Lüdenscheider Friedensgruppe, Pfarrei St. Medardus, Leserinitiative Publik-Forum und dem Evangelischem Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg. Zudem wurde ein Livestream angeboten, vor dem sich zusätzlich etliche Zuschauer eingefunden hatten.

Pfarrer Roser, Pastor der Medardus-Kirche begrüßte die Anwesenden, die trotz EM-Spiel am Vortragsabend teilnahmen. (Foto: Iris Kannenberg)
Pfarrer Roser, Pastor der Medardus-Kirche begrüßte die Anwesenden, die trotz EM-Spiel am Vortragsabend teilnahmen. (Foto: Iris Kannenberg)

Die Pandemie nicht nur als Krise zu sehen, sondern als Chance, andere Wege zu beschreiten, war die Kernaussage von Dr. Kessler. „Die Wünsche der Menschen nach einer Rückkehr zur Normalität sind jedoch völlig verständlich.“, äußerte er gleich zu Beginn.

 

Dies sei jedoch der falsche Weg. Nach Dr. Kesslers Aussage sei die Pandemie ein Weckruf an die gesamte Menschheit, mit Mensch, Natur und Umwelt anders umzugehen. Die Menschheit müsse sich wieder auf das Wesentliche besinnen und sich entschieden gegen den herrschenden Kapitalismus wenden. Mit ihm käme man nicht weiter, hätte er doch maßgeblich dazu geführt, dass sich die ganze Welt nun in einer prekären Situation befinde.

Dr. Wolfgang Kesslers Fazit aus der Krise: „Das Virus führt die Risse in der Gesellschaft vor Augen. Die Kluft zwischen Armen und Reichen kommt deutlich zum Vorschein und wird täglich größer.“

 

Er nannte Beispiele: Die Privatisierungswelle der letzten 25 Jahre habe gezeigt, dass Gesundheit und Pflege nichts mehr mit dem Wohl des Menschen zu tun hätten, sondern zu einer Ware gemacht worden wären, bei der es nur noch um nackte Zahlen und Umsätze ging. „Inzwischen besitzen Finanzinvestoren und Großkonzerne 45 Prozent der Krankenhäuser und 25 Prozent der Pflegebetten.“, führte er aus. Dabei sei es gar nicht ungewöhnlich, dass ein deutsches Pflegeheim – wie das in seiner kleinen Heimatstadt – einer amerikanischen Holding gehöre. Dr. Kessler fragte sichtlich empört in die Runde: „Was hat das noch mit persönlicher Beziehung oder Menschlichkeit zu tun? Es geht nur noch um Profite. Gerade das hat Corona mehr als deutlich gemacht und davon müssen wir weg!“

Seine Lösung: Eine Kindergrundsicherung von 450 Euro pro Kind, dazu höhere Sätze für Hartz IV-Empfänger sowie einen garantierten Mindestlohn von bis zu zwölf Euro. Er sprach sich unerwarteter Weise gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, plädierte jedoch für aber ein bedingtes Grundeinkommen bis 2022 für Solo-Selbstständige, Kulturschaffende und bedürftige Rentner, die es gerade jetzt sehr schwer hätten.

 

Besserverdienende sollten zudem einen größeren Teil der Schuldenrückzahlung durch Corona übernehmen. Zur gerechteren Finanzierung der Kranken- und Pflegeversicherung wies er auf Österreichs Bürgerversicherung als Vorbild hin, die das Beste sei, was es in diesem Bereich in Europa gebe. Zudem forderte er Steuern auf alle fossilen Brennstoffe und eine Umkehr zum Fahrrad.

 

Dr. Kessler gab nach seinem Vortrag Raum für Fragen. Spätestens jetzt war die Geduld einiger Zuschauer am Ende. Es regte sich Widerstand aus den Reihen der Zuschauer. Aus dem Livechat heraus wurden zudem Fragen gestellt, wie er sich das denn vorstelle, den Kapitalismus so einfach abzuschaffen.

 

Die Antworten Dr. Kesslers klangen in Teilen ebenso nach einem grünen Wahlprogramm, wie nach einem Sozialismus, den man vor 30 Jahren überwunden glaubte. Zu sehr war immer wieder davon die Rede, auf eigenes Eigentum zu verzichten, sich genossenschaftlich zusammenzutun und dem Kapitalismus den Kampf anzusagen. Jetzt habe man die Gelegenheit dazu. Wer in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, weiß, dass das 40 Jahre lang nicht klappte und lediglich zur Verarmung der Menschen führte. Der Mensch ist zwar einerseits ein Herdenwesen aber auf der anderen Seite durchaus auch ein Individualist, der sich ohne Gewaltausübung der Herrschenden in kein Korsett künstlichen Miteinanders zwängen lässt.

 

Ebenso kritisch wird sicher jeder deutsche Bergbewohner die Umkehr vom Auto zum Lastenfahrrad sehen. Wer einmal im Mittelgebirge einen richtigen Winter mitgemacht hat weiß, dass das mit einem Fahrrad nicht zu schaffen ist. Gerade bei diesem Thema schüttelten an diesem Abend viele Anwesende nur verwundert den Kopf. Lüdenscheid ist eben nicht Berlin...

Irgendwann wurde aus dem Publikum heraus die Frage gestellt, ob der Autor schon einmal über einen Schöpfer nachgedacht habe, der in dem ganzen Weltgeschehen auch noch ein Wörtchen mitzureden hätte. Und der seine Menschen in seinem Wort dazu anregt, ihn mit Gebet zu bestürmen, egal, um was es geht, da er Gebet gern erhöre. Darauf konnte Dr. Kessler keine zufriedenstellende Antwort geben – eher zeigten sich hierin synkretistische Aussagen, die Kenntnisse über das christliche Spezifikum vermissen ließen. Einer der Zuschauer verließ daraufhin unter lautem Protest und viel Gerumpel die Kirche. Was die Fragezeichen über den Köpfen der Zuschauer endgültig auf ansehnliche Größe wachsen ließ.

Verschiedene Verbände und Kirchen haben den Abend miteinander veranstaltet (ganz l. Dr. Christof Grote als Vertreter des Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg, vierter v. l. Dr. Wolfgang Kessler). (Foto: Iris Kannenberg)
Verschiedene Verbände und Kirchen haben den Abend miteinander veranstaltet (ganz l. Dr. Christof Grote als Vertreter des Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg, vierter v. l. Dr. Wolfgang Kessler). (Foto: Iris Kannenberg)

Kommentar der Autorin

 

Fazit dieses turbulenten Abends: Dr. Kessler glänzte tatsächlich mit viel Fachwissen und trug interessante Theorien und Vorstellungen darüber vor, was man aus der Corona-Krise lernen könnte. Positiv ist zudem zu bewerten, dass sich hier Kirchen und Verbände zu einer gemeinsamen Veranstaltung zusammengefunden haben. Auch das Thema und die Ausführung ließen aufhorchen und regten zum Nachdenken an. Hier wäre gerade jetzt viel mehr öffentlicher Diskussionsbedarf, an dem sich die Kirchen offen und ehrlich beteiligen sollten.

 

Was konsequent fehlte, war ein Bezug zum christlichen Gottesbild. An diesem Abend wurden rein menschliche Theorien vorgebracht, ohne Gott in die Überlegungen mit einzubeziehen. Zeigt die gesamte Menschheitsgeschichte nicht, dass Lösungsversuche unabhängig vom Schöpfer nicht nur ihr Ziel verfehlen sondern am Ende sogar entgegen der ursprünglich (wahrscheinlich sogar gut gemeinten) Intention wirken können?

 

Für die Zukunft wäre daher zu wünschen, in gemeinschaftlichen Veranstaltungen auch den Glauben gleichberechtigt mit einzubeziehen. Von den Ursprüngen der Schöpfung her und im Licht des Evangeliums finden wir Lösungen für unsere derzeitigen Probleme. Gott hat uns die Antwort in Seinem Sohn Jesus Christus gegeben. Sollten wir als Christen diese nicht suchen und in die Praxis umsetzen?

 

Iris Kannenberg

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