Aktuelle Artikel
Kirchengemeinde Attendorn-Lennestadt schließt drei von sieben Kirchen
24.3.2025

Von Karl-Hermann Ernst
ATTENDORN-LENNESTADT + Dass es in den letzten Jahren immer wieder Kirchenschließungen mit einer anschließenden Umwidmung gab und noch gibt, daran hat man sich inzwischen schon gewöhnt. Aber was zur Zeit in der Evangelischen Kirchengemeinde Attendorn-Lennestadt passiert, scheint doch ungewöhnlich zu sein: Gleich drei Kirchen sollen zu Beginn des neuen Kirchenjahres zumindest geschlossen werden. Ob und inwieweit eine weitere Nutzung außerhalb der Kirchengemeinde gefunden wird, darüber macht sich das Presbyterium umfangreiche Gedanken.
Die Kirchengemeinde ist die größte Gemeinde im Evangelischen Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg. Sie umfasst rund 500 Quadratkilometer Fläche und ist die einzige Diaspora-Gemeinde im Kirchenkreis. Sie hatte bei ihrer Gründung am 1. Januar 2020 ungefähr 9 000 Gemeindeglieder. Für diese wären insgesamt fünf Pfarrer und eine Pfarrerin zuständig gewesen. Inzwischen (Stand März 2025) seien nur noch zwei Pfarrer in der Gemeinde tätig, die auch eine nicht unerheblich kleinere Anzahl von Gemeindegliedern betreuen müssten, so der Vorsitzende des Presbyteriums Lars Kirchhoff in der neusten Ausgabe des Gemeindebriefes „Einblicke“.
Aufgrund der gestiegenen Kosten, der geringer werdenden finanziellen Mittel und der gesunkenen Zahl der Pfarrer sei man vom Kirchenkreis aufgefordert worden, die Gebäudenutzung anzupassen, so Lars Kirchhoff. Zwar habe man in den Gemeindeversammlungen Anfang Januar in den Bezirksgemeinden gute Gespräche mit den Gemeindegliedern geführt und auch zahlreiche Anregungen mitgenommen, aber für das Problem der Gebäude sei leider keine Lösung gefunden worden.
So war das Presbyterium letztendlich gezwungen schweren Herzens eine tief einschneidende Entscheidung zu treffen: Die Gnadenkapelle in Fretter, die Emmaus-Kirche in Würdinghausen und die Friedenskirche in Attendorn-Petersburg werden wohl bis zum Ende dieses Kirchenjahres geschlossen werden. Die Suche nach neuen Einsatzmöglichkeiten und/oder die Vermarktung dieser Gebäude wird von den Mitgliedern der jeweiligen Bezirksausschüsse übernommen.

Wenn zum 1. Advent 2025 die Gnadenkapelle in Fretter geschlossen wird, geht eine 72jährige Zeit von Gottesdiensten in der eigenen Kirche zu Ende. Nach dem zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der „Lutherschen“ im Frettertal sprunghaft auf rund 550 Personen an, die sich vierzehntäglich in einem Klassenzimmer der katholischen Volksschule zum Gottesdienst trafen. Anfang der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts gelang es der Kirchengemeinde Finnentrop in Fretter ein Baugrundstück zu erwerben, um eine kleine Kapelle zu errichten. Nach Fertigstellung der Planung legten sich viele Gemeindeglieder „ins Zeug“. So schritten die Bauarbeiten zügig voran. Bereits am 1. Mai 1953 konnte der Grundstein gelegt werden und am 11. Juni feierte man das Richtfest. Wegen der hohen Eigenleistungen beliefen sich die Baukosten nur auf 90 000 DM, an denen sich das Gustav-Adolf-Werk beteiligte. Die Kapelle, auf einer Anhöhe gelegen, wurde schnell zu einem Blickpunkt in Fretter. Heute schaut sie nicht mehr als einsame Kapelle still ins Tal hinab; sie ist inzwischen eingegliedert in die Wohnhaus-Neubauten, die Schule und den Kindergarten im Dorf. Mit ihrer Schließung ist ab dem 1. Advent 2025 dann keine evangelische Predigtstätte mehr im gesamten Frettertal.

Auch mit der Schließung der Emmaus-Kirche in Würdinghausen geht der einzige zentrale Anlaufpunkt der Evangelischen im Hundemtal verloren. Ihr Grundstein wurde am 21. September 1958 gelegt. Schon drei Monate später konnte das Richtfest gefeiert werden. Ein Jahr nach der Grundsteinlegung wurde die Kirche am 13. September feierlich eingeweiht. Die Kirche gilt mit seiner Bestuhlung von 150 Sitzplätzen bis heute als Mehrzweckgebäude. Sie ist mit heute nicht mehr genutzten Jugendräumen im Turm, einer Küche und den entsprechenden Toiletten im Keller ausgestattet und galt lange in der Region als Musterbau für eine Mehrzweckkirche, die auch als Gemeindehaus genutzt werden kann. Das Kirchenschiff ist durch Abtrennung des Chorraumes mittels eines Vorhanges als Gemeindesaal zu verwenden. Ein angebauter Raum wird mit einer Durchreiche zur Küche als Gemeinderaum genutzt.

Die Jüngste unter den zu schließenden Kirchen ist die Friedenskirche in Attendorn-Petersburg. Sie wurde Pfingstsonntag 1971 vom damaligen Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, D. Hans Thimme, feierlich eingeweiht. Es gab im Ihnetal schon immer eine größere Zahl von Evangelischen, aber die Gottesdienste fanden seit dem Ende des zweiten Weltkrieges zunächst in der kleinen evangelischen Schule in Petersburg statt. Zuvor hatten sich die Gläubigen in Alt-Listernohl im Wohnzimmer der Familie Gajewski zum sonntäglichen Gottesdienst getroffen. Danach stellte die Firma Schemm in Papiermühle einen eigenen Schulraum zur Verfügung, bevor die Gemeinde im Flur der neu errichteten „Evangelischen Volksschule Ihnetal“ ab Dezember 1963 ihre Gottesdienste abhalten konnte. Auch hier zeigte sich die Firma Schemm wieder großzügig und stiftete die für die Gottesdienste notwendige Bestuhlung.
All das war jedoch nur ein Provisorium; denn schon lange hatten die Ihnetaler den Bau einer kleinen Kapelle geplant und schon 1956 ein Baugrundstück von der Familie Lahme erworben. 1960 gründete sich der „Evangelischer Kapellenbauverein e.V.“, dessen Vorsitz der langjährige Presbyter Helmut Herzog inne hatte. Schnell wurde klar, dass es mit einer Kapelle sein Bewenden nicht haben konnte. Die Gemeinde wuchs in diesem Bezirk stark. Und auch nach dem Abzug der rund 1 000 Bauarbeiter an der Biggetalsperre rechnete man mit Urlaubern rund um den See bei den Gottesdiensten. So wurde beschlossen, eine „richtige“ Kirche zu errichten.
Bereits 1969 konnte der Superintendent des Kirchenkreises Plettenberg Otto Grünberg den Grundstein für die Friedenskirche legen. Genau 2 Jahre und 8 Tage später weihte der damalige Präses der Evangelischen Landeskirche von Westfalen D. Hans Thimme die Kirche ein, die mit ihrem einem Bleistiftspitze ähnelnden Schiefer gedeckten Glockenturm schnell ein Wahrzeichen für Petersburg werden sollte. Der Kirchenraum ist nur Teil der Bauanlage. Ein umschlossener Vorhof ist mit ihm durch das Öffnen der Schiebewände zu verbinden. Er dient, wie auch der Gemeinderaum, als Erweiterung des Gottesdienstraumes, wenn bei sommerlichem Wetter wegen des nahen Erholungsgebietes ein größerer Kreis am Gottesdienst teilnehmen will, als in der Kirche Platz finden kann. Gleichzeitig mag dieser Hof die Gemeinde und besonders deren Jugend zum Spiel und Gespräch ermuntern. Zwei Jugendräume machen die Bauanlage zu einem echten Begegnungszentrum der Gemeinde, erläuterte Architekt Gerd Sauerzapf bei der Schlüsselübergabe das Gebäude. Durch die Schließung des gesamten Gebäudes ist dann auch das Ihnetal bis hinauf nach Valbert ohne evangelisches Zentrum.
Der Evangelischen Kirchengemeinde Attendorn-Lennestadt bleiben dann noch die Erlöserkirche in Attendorn, die Christuskirche in Finnentrop und die Kirchen in Grevenbrück und Altenhundem.